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Stuhlkreis

September 06, 2018
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Vor kurzem in der S Bahn in München «mitgehört»

 

Stell Dir vor, heute ist wieder dieses jährliche Seminar, da sitzen wir im Stuhlkreis und müssen uns «auskotzen». 

Nein, das ist ja schrecklich!

Ja, und das müssen wir jedes Jahr machen, das ist Pflicht.

Erzähl doch mal, wie läuft denn das so ab.

Nun, wir sitzen da im Kreis und müssen sagen, was uns an der Person, die dann in der Mitte sitzen muss, alles stört.

Aber das hätte man doch auch schon vorher machen können, oder?

Ja, da hast Du wohl recht, aber trotzdem müssen wir da jedes Jahr für 2 Tage hin.

Was?,  2 Tage, wahrscheinlich auch noch im Kloster, oder. 

Stimmt, letztes Jahr waren wir da in einem ganz alten, so mit Einzelzimmer ohne jeglichen Komfort. Und die Trainer haben auch noch gesagt, dass dieses Umfeld uns helfen wird, uns zu öffnen.

Oh Gott, das ist ja schrecklich, ja musst Du denn da wirklich hin? Kannst Du nicht Urlaub beantragen?

Nein, das ist nicht erlaubt.

Und wenn Du krank wirst?

Das geht auch nicht, das fällt doch auf, ausserdem habe ich mich schon daran gewöhnt.

Zwei ganze Tage, ja kann man denn so viel reden?

Ja, schon, schliesslich muss sich ja jeder rechtfertigen.

Und bringt das wirklich etwas,  versteht ihr Euch jetzt alle besser?

Nein, nicht wirklich.

 

Dann musste ich leider austeigen, und dieser Dialog ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin ja als Coach hin und wieder selbst in einem solchen Setting und überlegte, was mich an dem Dialog so «störte» und was ich eigentlich anders mache. Müssen sich bei mir die Teilnehmer auch «entblössen»?

Nein, bei mir MUSS keiner irgendetwas, er DARF, wenn er wirklich WILL. Freiwilligkeit ist die Grundvoraussetzung, um in einem Gruppencoaching den Teilnehmern einen Zugang zu den Themen zu ermöglichen, an denen sie wirklich arbeiten möchten. Natürlich kann es in einem solchen Setting auch dazu kommen, dass verborgene Konflikte aufbrechen. Es ist dann meine Rolle das Gespräch zwischen den Parteien zu moderieren und im Zweifel das Gruppensetting kurzzeitig auszusetzen. 

Und: ich arbeite nicht (mehr) mit Klienten, die «geschickt» werden.

Während ich das im Bus zwischen München und Zürich sitzend schreibe, muss ich an diese Frau denken, die wohl gerade im Stuhlkreis sitzt und sich nicht traut, Ihre Einstellung zu diesem Setting offen zu sagen. Wenn ich ihr nur ins Ohr flüstern könnte:

Steh auf und geh raus aus dem Raum. Sag den Leuten, die Dich dort hinschicken, dass Du diesen Seelenstriptease nicht mehr mitmachst. Und wenn Du Hilfe dabei brauchst, kannst Du Dich gerne bei mir melden.

 

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