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...was soll ich nur machen?

April 19, 2016
2 Kommentare

„Am Liebsten würde ich kündigen, alles hinwerfen, ich halte es nicht mehr aus. Aber was dann? Werde ich überhaupt wieder einen Job finden, in dem ich das verdiene, was ich heute habe? Wie soll ich meine Schulden bezahlen und wie sage ich es meiner Familie? Wenn ich bleibe, muss ich einen Weg finden, mit dem Druck zurecht zu kommen. Ich habe Angst, dass man mir kündigen wird. Ich weiß überhaupt nicht, wie es soweit kommen konnte. Was soll ich nur machen?“

Dieser Telefonanruf erreichte mich an einem Morgen als ich auf dem Weg zu meiner Klientin war, die sich ‚eine dickere Haut zulegen sollte’. Wir vereinbarten ein Treffen, an dem mir Hans O. folgende Situation schilderte:

„Vor 24 Jahren habe ich hier angefangen, mich hochgearbeitet. Meine Leistung war immer gut, zumindest habe ich nie weniger als 100% meines Bonus bekommen. Vor 9 Jahren wurde das regionale Büro in Spanien eröffnet und ich übernahm im Alter von 42 Jahren mit Freude die Leitung. Meine Familie war am Anfang nicht begeistert, aber die Aussicht auf das mediterrane Leben hat sie dann doch überzeugt. Die ersten zwei Jahre liefen sehr gut, doch dann kam die Krise und Auftragslage wurde immer schlechter.  Ich musste viele Leute entlassen, was keine schöne Aufgabe war, aber ich tat meine Pflicht. Vor 3 Jahren konnte ich den Abwärtstrend stoppen, worauf ich sehr stolz war. Die Konzernleitung hatte in der Zwischenzeit die regionale Struktur überdacht und beschlossen, ganz Südeuropa unter eine Leitung zu stellen. Das war meine Chance endlich weiter zu kommen! Ich habe mich auf diese Stelle beworben, doch nichts gehört. NICHTS, verstehen Sie. Keinerlei Reaktion von niemandem. Mein Chef schien wie untergetaucht und von meinen ehemaligen Kollegen der Zentrale war so gut wie keiner mehr da. Ich habe dann eine Mail an die Personalabteilung und meinen Vorgesetzten geschickt, und gefragt, was mit meiner Bewerbung passiert sei. Wissen Sie, welche Antwort ich bekommen habe?“

Antwort der Personalabteilung:
„Vielen Dank, wir haben Ihre Bewerbung erhalten und bedanken uns für Ihr langjähriges Engagement. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Sie für diese Aufgabe nicht in Frage kommen und wir diese Stelle in der Zwischenzeit extern besetzt haben. Wir prüfen gerade, inwiefern wir Ihnen ein Projekt in der Zentrale anbieten können. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, daher bitten wir Sie, in der Zwischenzeit mit dem neuen CEO für Südeuropa eine Lösung zu finden, welche Aufgaben Sie in der neuen Konstellation sinnvollerweise übernehmen könnten. Dazu werden wir Ihnen in Kürze eine Vereinbarung mit den neuen Konditionen zukommen lassen“.

Antwort des Vorgesetzten (mündlich in einem Telefonat)
„Wir finden Ihre Bewerbung, speziell nach der spanischen Katastrophe, die ausschließlich Sie zu verantworten haben, wirklich mutig. Sie sollten froh sein, dass Sie überhaupt noch einen Job haben. Ich empfehle Ihnen, baldmöglichst einen Termin mit dem neuen Verantwortlichen für Südeuropa, an den Sie ab sofort berichten, zu vereinbaren, vielleicht kann ja er etwas mit Ihnen anfangen.“

Aus Gründen der Vertraulichkeit möchte ich auch keine weiteren Details beschreiben, sondern auf drei für mich entscheidende Punkte hinweisen, welche die Verantwortlichen in den Unternehmen zum Nachdenken und Handeln anregen sollten:

Leistungsbeurteilung
Warum hat diese Führungskraft immer 100% Bonus erhalten? Wie kann es sein, dass niemand Hans O. sagte, wie man seine Leistung tatsächlich einschätzte? Es kann nicht die Aufgabe der Personalabteilung sein, der Überbringer dieser ‚nachgelagerten’ Leistungsbeurteilung zu sein. Selbst wenn dem Betroffenen ‚noch nicht’ gekündigt wurde, so schwebt dennoch das Damoklesschwert über ihm und seiner Familie, die er seinerzeit überreden musste, ihm nach Spanien zu folgen. Der psychische Druck und sein Alter werden ihn im Zweifel tatsächlich kündigen lassen. Doch wohin soll er nach 24 Jahren? Wer stellt einen ‚gescheiterten’ Manager mit Anfang 50 ein? Wer übernimmt die Verantwortung und die Krisenlösungskosten für Hans O.?

Jede ‚geschenkte’ Leistungsbeurteilung verschiebt das Problem in die Zukunft. Gerade Führungskräfte müssen in der Lage sein, Leistungen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen.

Selbstbild
Wie kann es sein, dass sich Hans O. voller Überzeugung auf eine Stelle bewirbt, in der seine Verantwortung um ein Vielfaches grösser gewesen wäre, als die derzeitige und er nicht einmal auf die Idee kam, seine Eignung dazu zu hinterfragen? In seinen Augen hatte er seinem Arbeitgeber mit seiner Spanien Mission einen Gefallen getan, und die Situation den Umständen entsprechend ‚gerettet’ und sogar in den letzten Jahren die Ergebnisse gehalten. Warum hat er über die vielen Jahre kein Feedback bekommen, das ihm zumindest die Möglichkeit einer zeitnahen Reflexion gegeben hätte? So entspricht sein Selbstbild heute nicht der Wirklichkeit und er sieht die Schuld bei ‚den anderen’, was ihn wiederum darin hindert, seine Situation zukunftsorientiert zu beleuchten. Wer bezahlt die Folgekosten dieses langjährigen Schweigens?

Verzerrte Wahrnehmung der eigenen Leistung lässt sich vermeiden, indem aktiv um Feedback gebeten wird und man sich objektiv mit anderen Kollegen vergleicht. Auch wenn es einem wieder einmal gelungen ist, sich mit der Gnade des Vorgesetzten – was ich eher als Führungsbequemlichkeit bezeichnen möchte – ins nächste Bonusjahr zu retten, kommt irgendwann die Stunde der Wahrheit.

Führungsarbeit
Warum reagierte die Organisation so spät? War es angenehm Hans O. in Spanien die ‚Aufräumarbeit’ machen zu lassen und zu hoffen, dass er das noch möglichst lange machte? Hätte er sich nicht beworben, wäre ja auch alles gut gegangen, oder? Den neuen CEO in Südeuropa die eigene Führungsschwäche ausbaden zu lassen ist unfair und unprofessionell. Der Vorgesetzte und all diejenigen, die weg gesehen haben, tragen in diesem Fall die Verantwortung für die gescheiterte Karriere und den Frontalaufprall von Hans O. Unter vorgehaltener Hand wird in der Organisation über den schwierigen Fall Hans O. gesprochen, ganz nach dem Motto: ‚Da hat sich wieder einmal einer überschätzt’.

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Schreiben Sie mir eine Nachricht: info@rld-group.com

Ich biete individuelle Begleitung für betroffene Privatpersonen und Führungskräfte-Coachings für Unternehmen.

 

2 Kommentare

April 21, 2016

Alexander Rehm

Ich freue mich über konstruktive Gedanken, aber für anonyme beleidigende Kommentare ist auf meiner Webseite kein Platz!

 
April 19, 2016

Nein

Komentare einfach löschen zzzhhh

 

 

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